Lohnt die Streuung des Vermögens überhaupt noch? Seit Beginn des Iran Krieges steigen und fallen Aktien, Anleihen und Gold gleichzeitig. Diese Tatsache von Chancen und Risiken gilt es zu untersuchen. Als Vermögensberater sehen wir unsere Kernaufgabe darin das, Vermögen unserer Kunden (-familien) aufzubauen, zu mehren, zu schützen und es für künftige Generationen zu erhalten.
Diese Mission lässt sich auf drei handwerkliche Aufgabenbereiche herunterbrechen.
- Wir möchten das Vermögen nominal erhalten und Fehler vermeiden, vor allem solche, die zum substanziellen oder Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.
- Wir möchten das Vermögen real erhalten, also seine Kaufkraft unter Berücksichtigung von Inflation bewahren.
- Wir möchten das Vermögen real vermehren, streben also Zusatzrenditen über die
Inflation hinaus an.
Das Spannende bei der Balancierung dieser drei Ziele ist, dass sich diese für Anleger nur durch das bewusste Eingehen rationaler Risiken zu erreichen lassen. Getreu dem Motto „no risk, no fun“. Jede noch so kleine Rendite, die ich brauche, damit Ziele zwei und drei erfüllt werde, ist nichts anderes als der Preis, den der Markt für das Tragen von Risiken bezahlt. Doch Achtung: Risiko ist nicht gleich Risiko.
Warum wir „gute“ Risiken suchen, und was es damit auf sich hat. Rendite ist Schmerzensgeld für das Tragen von Risiken.
Eine Marktwirtschaft ist im Kern eine Maschine zur Allokation von Risiko. Irgendjemand muss das Risiko des wirtschaftlichen Prozesses tragen. Derjenige, der es trägt, wird dafür entschädigt. Diese Entschädigung ist die Risikoprämie. Sie ist, bei aller technischen Verkleidung, nichts anderes als Schmerzensgeld. Würde der Markt es nicht zahlen, würde kein rational handelnder Akteur freiwillig Risiko übernehmen und ohne Risikokapital käme die gesamte wirtschaftliche Dynamik zum Erliegen.
Aktionäre nehmen dabei die exponierteste Position ein. Sie stehen ganz unten in der Gläubigerhierarchie und tragen das Residualrisiko des gesamten Unternehmens. Mitarbeiter, Lieferanten und Banken werden zuerst bedient – der Aktionär bekommt nur, was übrigbleibt, und im Insolvenzfall oft gar nichts. Als Kompensation für diese strukturelle Nachrangigkeit zahlt der Markt historisch etwa vier bis fünf Prozentpunkte Mehrrendite pro Jahr gegenüber dem risikolosen Zins, der in etwa dem aktuellen EZB-Einlagensatz entspricht. Entscheidend ist: Diese Prämie existiert nicht trotz der Krisen, sondern wegen ihnen. Der Crash ist der Moment, in dem das Residualrisiko sichtbar wird – er ist der Schmerz, für den das Schmerzensgeld gezahlt wird. Wer in der Krise kapituliert, realisiert den Schmerz, ohne die Entlohnung zu kassieren.
Kreditgläubiger, also Anleiheinvestoren, sitzen eine Sprosse höher, also besser, auf der Risikoleiter, tragen aber dennoch reales Risiko: Zinsänderungen, Illiquidität und vor allem das Ausfallrisiko des Schuldners. Die Kreditrisikoprämie – der Credit Spread gegenüber dem risikolosen Zins – ist die präzise Entlohnung genau dafür. Ein Hochzinsschuldner zahlt nicht deshalb hohe Zinsen, weil er besonders großzügig ist, sondern weil sein Ausfallrisiko real und erheblich ist. Auch hier gilt: Der höhere Zins ist kein Geschenk, sondern die Vergütung für die Wahrscheinlichkeit eines schmerzhaften Verlusts.
In beiden Fällen gilt dasselbe makroökonomische Grundgesetz: Wer den Schmerz nicht tragen will, bekommt das Schmerzensgeld nicht. Risiko und Rendite sind untrennbar – nicht als statistische Beobachtung, sondern als systemische Notwendigkeit der Marktwirtschaft selbst.
Quelle: Bloomberg, LSEG Datastream, MSCI, J.P. Morgan Asset Management. Die Volatilität ist die Standardabweichung der jährlichen Erträge seit 2004. Barmittel: J.P. Morgan Cash EUR (3M); Euro-Staatsanleihen: Bloomberg Euro Aggregate Treasury; Globale Investment-Grade-Anleihen: Bloomberg Global Aggregate Corporate; Schuldtitel aus Schwellenländern: J.P. Morgan EMBI Global Diversified; Globale Hochzinsanleihen: ICE BofA Global High Yield (USD); Globale Aktien: MSCI All-Country World Index (einschließlich Industrie- und Schwellenländern). Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung. Guide to the Markets – EMEA. Stand der Daten: 27. Februar 2026.
Risiken, die der Markt zuverlässig und strukturell durch eine Risikoprämie vergütet, sind in unseren Augen gute Risiken. Wer sie trägt, nimmt eine notwendige Funktion im wirtschaftlichen System ein. Er stellt Risikokapital bereit, das die Grundlage für unternehmerisches Wachstum, Innovation und gesamtwirtschaftlichen Wohlstand ist. Dafür erhält er eine Prämie, die keine statistische Anomalie ist, sondern eine systemische Notwendigkeit: Ohne diese Entlohnung würde kein rational handelnder Mensch Kapital in unsichere Anlagen investieren.
Schlechte Risiken werden asymmetrisch entlohnt
Um gute Risiken wirklich zu verstehen, hilft der Umweg über die schlechten. Schlechte Risiken teilen eine unangenehme Eigenschaft: Sie werden asymmetrisch entlohnt. Der Markt zahlt für das Tragen dieser Risiken keine Prämie, weil man sie vermeiden könnte. Und weil man sie vermeiden könnte, tut man gut daran, das auch zu tun. Die drei häufigsten schlechten Risiken, die uns in unserem Beratungsalltag begegnen sind:
Die Einzelaktie – Branche – Markt Eine einzelne Aktie ist das Reinbeispiel eines schlechten Risikos. Wer sein Kapital in ein einzelnes Unternehmen investiert, trägt das volle unternehmensspezifische Risiko: Managementfehler, Produktionsprobleme, Wettbewerbsdruck, regulatorische Eingriffe, Bilanzskandal. Jedes dieser Ereignisse kann den Kurs dauerhaft und massiv beeinträchtigen – im Extremfall bis auf null. Eine Aktie kann insolvent werden. Das ist kein theoretisches Szenario, sondern passiert regelmäßig, auf jedem Kapitalmarkt der Welt, in jeder Dekade.
Der entscheidende Punkt: Der Markt entlohnt dieses Risiko nicht, weil man es nicht tragen muss. Es ist weg-diversifizierbar.
Einen Schritt weiter: Ein auf eine einzelne Branche konzentriertes Portfolio reduziert das Einzeltitelrisiko zwar, bleibt aber auf einen Sektor konzentriert. Branchen können strukturell schrumpfen oder verschwinden durch technologischen Wandel, geopolitische Verschiebungen oder regulatorische Umbrüche. Eine systemische Garantie auf Erholung gibt es auch auf dieser Ebene nicht. Ganze Industrien haben sich über Jahrzehnte nicht erholt oder sind schlicht irrelevant geworden. Als Aktionär von VW hat man sein schlechtes Risiko also nicht wegdiversifiziert, indem man eine BMW und eine Mercedes-Benz-Aktie hinzumischt. Auch ein Investment in den DAX, der immerhin weitere Branchen enthält, löst die schlechten Risiken nicht.
Erst auf der dritten Ebene, dem globalen Marktportfolio mit tausenden Unternehmen aus dutzenden Branchen und Ländern, ändert sich das Bild fundamental. Hier trägt der Anleger kein einzelnes Unternehmen, keine einzelne Branche, keine einzelne Region – er trägt das marktwirtschaftliche System als Ganzes. Und das hat historisch nach jedem noch so brutalen Einbruch neue Höchststände erreicht. Dotcom-Blase, Finanzkrise 2008, Corona: immer. Der Weltmarkt als Ganzes kann nicht dauerhaft untergehen, ohne dass die marktwirtschaftliche Ordnung selbst zusammenbricht. Sollte das passieren, hätten wir ganz andere Probleme als unser Depot.
Die Einzelanleihe – Anleihegattung – Markt Was für Aktien gilt, gilt für Anleihen genauso – und wird von Anlegern erstaunlich häufig unterschätzt. Eine einzelne Unternehmensanleihe trägt ein vollständiges Ausfallrisiko. Kann das Unternehmen seine Schulden nicht mehr bedienen, verliert der Gläubiger seinen Einsatz – ganz oder zu großen Teilen. Auch hier gilt: Der Markt entlohnt dieses Einzeltitelrisiko nicht, weil man es durch Streuung vermeiden kann.
Eine auf eine einzelne Anleihegattung konzentrierte Strategie – etwa ausschließlich Hochzinsanleihen einer bestimmten Branche oder Region – reduziert das Einzeltitelrisiko zwar, bleibt aber auf ein spezifisches Kredit- oder Zinssegment konzentriert. Gerät dieses Segment unter Druck, etwa durch einen Konjunktureinbruch oder einen branchenspezifischen Schock, trifft es das Portfolio ungebremst.
Erst ein breit diversifiziertes Anleiheportfolio aus verschiedenen Emittenten, Bonitäten, Laufzeiten und Regionen enthält nur noch das systematische Zins- und Kreditmarktrisiko – also das Risiko, für das es tatsächlich eine Prämie gibt.
Das Konto – der am meisten unterschätzte schlechte Risikoträger. Und jetzt zum vielleicht überraschendsten Kandidaten auf dieser Liste. Das Bankkonto wird von den meisten Menschen nicht als Risikoposition wahrgenommen – sondern als das genaue Gegenteil davon. Das ist ein Irrtum, und zwar aus zwei Gründen.
Der erste Grund ist der offensichtlichere: Ein Tagesgeldkonto oder Festgeld wirft derzeit ein bis zwei Prozent Zinsen ab – in vielen Phasen weniger als die laufende Inflation. Das bedeutet real einen kontinuierlichen Kaufkraftverlust. Still, unsichtbar, ohne Kursbewegung und ohne Alarm. Das Geld ist nominal vorhanden, aber kauft mit jedem Jahr weniger. Das ist kein sicheres Parken von Vermögen. Es ist ein schleichender Verlust.
Der zweite Grund ist subtiler, aber in seiner Konsequenz weitreichender: Die gesetzliche Einlagensicherung in Deutschland schützt Privatpersonen bis zu 100.000 Euro pro Bank. Was darüber hinausgeht, ist im Insolvenzfall der Bank faktisch ungesichert. Der freiwillige Einlagensicherungsfonds der privaten Banken bietet zwar höheren Schutz, aber keine gesetzliche Garantie. Im Ernstfall ist er eine Absichtserklärung, kein einklagbarer Rechtsanspruch.
Wer also mehrere Hunderttausend oder gar Millionen Euro auf Bankkonten hält, trägt ein erhebliches Ausfallrisiko gegenüber seinem Kreditinstitut, ohne jede Gegenleistung in Form einer Risikoprämie. Bankenschieflagen sind kein rein historisches Phänomen. Sie kommen vor, und staatliche Rettungsschirme sind politische Entscheidungen, keine Naturgesetze.
Für Unternehmer und Freiberufler ist die Situation noch brisanter. Geschäftskonten sind noch eingeschränkter geschützt als private Sparkonten. Wer größere Liquiditätsreserven für laufende Verbindlichkeiten auf Firmenkonten parkt, trägt ein erhebliches Klumpenrisiko.
Die Asymmetrie ist extrem: Die maximale Rendite nach oben ist auf ein paar Prozent Zinsen begrenzt. Die maximale Downside nach unten ist der vollständige Verlust des ungesicherten Betrags. Das ist das schlechteste denkbare Verhältnis aus Chance und Risiko – und damit das Paradebeispiel eines schlechten Risikos.
Vermögen über 100.000 Euro gehört nicht dauerhaft aufs Konto. Wer Liquidität braucht, ist mit einem Geldmarktfonds deutlich besser aufgestellt: ähnlich liquide, niedrige Kosten – und das Fondsvermögen ist als Sondervermögen auch im Insolvenzfall des Anbieters vollständig geschützt.
Gute Risiken vs. schlechte Risiken auf einen Blick
Schlechte Risiken lassen sich wegdiversifizieren
Der erste Schritt ist die Akzeptanz: Risiko ist kein Feind, den es zu besiegen gilt, sondern eine Bedingung, die man bewusst und informiert eingeht.
Der zweite Schritt ist Diversifikation, nicht um Risiko grundsätzlich zu eliminieren, sondern um jenes Risiko zu beseitigen, das der Markt nicht vergütet. Wer sein Kapital breit über Märkte, Regionen und Unternehmen streut, behält das systematische Risiko, für das er entlohnt wird, und wirft das unsystematische ab, für das er es nicht wird.
Der dritte Schritt ist intellektuelle Disziplin: Renditeerwartungen darf man ausschließlich dort haben, wo ein echtes, vergütetes Risiko getragen wird – alles andere ist Spekulation oder Selbsttäuschung.
Und der vierte, vielleicht schwierigste Schritt ist Geduld. Risikoprämien realisieren sich nicht im Quartalsrhythmus, sondern über Marktzyklen hinweg – über Jahre, oft über Jahrzehnte. Wer diesen langen Atem nicht aufbringt, wird in der nächsten Krise kapitulieren, genau in dem Moment, in dem Ausdauer am wertvollsten wäre.
Wir wünschen Ihnen schöne Ostertage!
Alexander Tutmann