in den ersten beiden Teilen der Serie haben wir uns mit den Themen Stolz, Völlerei und Lust bei der Geldanlage beschäftigt. Dabei wurde erläutert, dass Prognosen zu falschen Überzeugungen führen, zu viele Informationen nicht unbedingt hilfreich sind und Emotionen den klaren Blick vernebeln. Nun kommen wir zu zwei weiteren „Todsünden“.
Neid
Emotionen wie Neid – und sein Gegenstück Gier – können zu irrationalem Verhalten an den Finanzmärkten führen. Besonders spannend ist, dass Neid nicht als Randerscheinung, sondern als tief verwurzelte menschliche Triebkraft beschrieben werden kann, die maßgeblich zur Bildung von Finanzblasen, Fehlallokationen und irrationalen Entscheidungen beiträgt
Was ist Neid aus verhaltensökonomischer Sicht?
Im klassischen ökonomischen Modell handelt der Mensch rational und eigennützig. In der Realität, wie Behavioral Finance zeigt, ist das jedoch selten der Fall. Menschen vergleichen sich ständig mit anderen – sei es in Bezug auf Einkommen, Besitz, Status oder Anlageerfolg. Wenn jemand feststellt, dass ein anderer mehr hat oder erfolgreicher investiert, entsteht oft Neid. Im Gegensatz zur Bewunderung, die Ansporn sein kann, hat Neid einen destruktiven Charakter. Er kann zu impulsivem Handeln führen, bei dem Risiken unterschätzt oder rationale Überlegungen ignoriert werden.
Neid als Investment-Falle
James Montier, ehemaliger Global Strategist bei der Bank Société Générale und später bei GMO, hat in seinem Buch „The Little Book of Behavioral Investing“ sowie in zahlreichen Essays die Rolle von Emotionen im Investmentprozess analysiert.
Anleger – sowohl private als auch professionelle – lassen sich zu sehr von den Erfolgen anderer beeinflussen. Ein Paradebeispiel: Wenn ein Anleger sieht, dass seine Nachbarn oder Kollegen mit spekulativen Tech-Aktien hohe Gewinne machen, verspürt er den Drang, ebenfalls einzusteigen, selbst wenn er weiß, dass dies fundamental nicht gerechtfertigt ist. Der Neid über die verpassten Gewinne führt zu einer FOMO-Mentalität (Fear of Missing Out), die rationalen Entscheidungen untergräbt.
Die Rolle von sozialen Vergleichen
Es gibt psychologische Studien, die zeigen, dass Menschen oft lieber weniger hätten – solange sie damit mehr haben als andere. Ein bekanntes Beispiel: In Umfragen geben viele Menschen an, lieber ein Gehalt von 50.000 Euro zu verdienen, wenn alle anderen 40.000 verdienen, als 60.000 zu verdienen, wenn der Durchschnitt bei 70.000 liegt. Diese Denkweise lässt sich direkt auf das Anlageverhalten übertragen: Anleger sind oft unzufrieden mit einer guten Rendite, wenn andere eine noch bessere erzielt haben.
Dieser permanente soziale Vergleich führt laut Montier zu einem Hyperwettbewerb, bei dem Anleger ständig versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen – was nicht nur Stress, sondern auch riskante Anlageentscheidungen nach sich zieht. So entstehen Herdentriebe, Überbewertungen von Assets und letztlich Spekulationsblasen.
Strategien gegen neidgetriebenes Investieren
Folgende Maßnahmen helfen, um den Einfluss von Neid auf das eigene Verhalten zu reduzieren:
- Klare Investmentprinzipien und Disziplin: Wer einem klaren, langfristigen Investmentansatz folgt, ist weniger anfällig für emotionale Schwankungen.
- Vergleich mit sich selbst statt mit anderen: Der Fokus sollte auf der Erreichung der eigenen finanziellen Ziele liegen, nicht auf dem Übertrumpfen anderer.
- Bewusstsein für psychologische Fallen: Schon das Wissen um die Existenz von Neid als irrationalem Einflussfaktor kann helfen, dagegen anzusteuern.
Fazit
Neid ist kein harmloses Gefühl – zumindest nicht in der Welt der Behavioral Finance. Es gibt eine Reihe eindrucksvoller Beispiele, die zeigen, wie stark dieser psychologische Faktor das Anlageverhalten beeinflusst und zu systematischen Fehlern führen kann. Wer sich dessen bewusst ist, kann gezielt Gegenmaßnahmen ergreifen und rationalere, langfristig erfolgreichere Investmententscheidungen treffen. Die größten Gefahren beim Investieren liegen oft nicht im Markt, sondern in uns selbst
Habgier
Neben Angst und Neid ist einer der gefährlichsten psychologischen Faktoren beim Investieren die Habgier. Diese ist ein zentrales Element, das zu Blasenbildung, Fehlbewertungen und massiver Fehlallokation von Kapital führt. In der Behavioral Finance wird Habgier als starke emotionale Kraft verstanden, die rationale Entscheidungsfindung überlagert und Anleger dazu verleitet, übermäßige Risiken einzugehen – häufig mit fatalen Folgen.
Was ist Habgier im verhaltensökonomischen Sinne?
In der klassischen Ökonomie handelt der Mensch als „homo oeconomicus“ – rational, nüchtern und nutzenmaximierend. Behavioral Finance widerspricht diesem Bild. Menschen sind emotional, voreingenommen und oft nicht auf langfristige Ziele ausgerichtet. Habgier beschreibt dabei das übermäßige Streben nach Gewinn, häufig unter Ausblendung von Risiken und langfristigen Konsequenzen. Es ist die Gier nach „mehr“, die sich nicht mit rationalen Grenzen zufriedengibt.
Im Investmentkontext zeigt sich Habgier besonders in Situationen, in denen hohe Gewinne winken – sei es durch spekulative Aktien, überbewertete Immobilien oder neuartige Anlageformen wie Kryptowährungen. Anleger lassen sich in solchen Phasen häufig von der Aussicht auf schnellen Reichtum blenden. Die Folge: Überbewertung von Vermögenswerten, massive Spekulation – und irgendwann der unvermeidliche Crash.
Perspektive auf Habgier
Habgier ist vergleichbar mit einer Sucht: Je mehr man bekommt, desto mehr will man – unabhängig davon, ob es vernünftig ist. Besonders gefährlich ist die Illusion der Kontrolle, die viele Anleger befällt, wenn sie sich in einem Aufschwung befinden. Gewinne werden nicht mehr als Glück oder günstige Marktbedingungen erkannt, sondern als Beweis eigener Kompetenz – ein Trugschluss, der Habgier weiter befeuert.
Habgier verführt dazu, am Höhepunkt der Euphorie zu investieren – genau dann, wenn die Risiken am größten sind. In der Rückschau zeigt sich: Wer der Gier nachgibt, kauft oft zu teuer
und verkauft zu spät.
Die Psychologie hinter der Gier
Die verhaltensökonomische Forschung zeigt, dass Gier eng mit anderen kognitiven Verzerrungen verwoben ist:
- Overconfidence Bias: Anleger überschätzen ihre Fähigkeiten, insbesondere in Bullenmärkten.
- Recency Bias: Jüngste positive Entwicklungen werden überbewertet, was die Erwartung verstärkt, dass es immer so weitergeht.
- Herding: Anleger folgen der Masse – je mehr andere investieren, desto größer wird der Druck, ebenfalls einzusteigen.
In Kombination führen diese Verzerrungen dazu, dass rationale Bewertungen zunehmend ignoriert werden. Die Erwartung hoher Gewinne wird zum Selbstzweck – und Risiken erscheinen irrelevant.
Historische Beispiele: Habgier in Aktion
Es gibt eine Reihe historischer Finanzblasen, in denen Habgier eine zentrale Rolle spielte. Das waren unter anderem:
- Dotcom-Blase (1999/2000): Unternehmen wurden trotz fehlender Gewinne mit Milliarden bewertet. Die Gier nach schnellem Reichtum durch Technologieaktien trieb die Märkte in absurde Höhen.
- Immobilienkrise (2008): Die Hoffnung auf stetig steigende Immobilienpreise führte zu einer Kreditvergabe ohne Fundament – mit katastrophalen Folgen.
- Tulpenmanie (1637): Dieses Beispiel zeigt, dass es sich um kein modernes Phänomen handelt. In den Niederlanden wurden Tulpenzwiebeln zu einer extrem begehrten Ware. Die Preise stiegen so stark an, dass eine Zwiebel mehr als ein Haus kostete. Die Blase platzte 1637 und der Wert der Zwiebeln stürzte ins Bodenlose.
Strategien gegen Habgier getriebenes Verhalten
Emotionen wie Gier kann man nicht vollständig abschalten. Doch es gibt bewusste Gegenmaßnahmen:
- Langfristige Denkweise: Wer einen klaren, langfristigen Anlageplan verfolgt, ist weniger anfällig für kurzfristige Gier.
- Checklisten und Regeln: Durch vorher festgelegte Investitionskriterien kann man emotionale Entscheidungen vermeiden.
- „Margin of Safety“: Investitionen sollten nur getätigt werden, wenn ein klarer Bewertungsspielraum nach unten besteht – ein Konzept aus der Value-Investing-Schule.
- Selbstreflexion: Anleger sollten sich regelmäßig fragen: „Handle ich aus Überzeugung oder aus Gier?“
Fazit
Habgier ist nicht nur ein moralisches Thema – sie ist ein handfester Risikofaktor in der Welt der Finanzmärkte. Die Herausforderung für Anleger besteht darin, sich selbst zu erkennen und die eigenen Emotionen zu kontrollieren – vor allem dann, wenn alle anderen scheinbar mühelos reich werden. Wer in solchen Momenten standhaft bleibt, investiert nicht nur klüger – sondern auch mit größerem innerem Frieden.
Von den sieben Todsünden haben wir nun bereits fünf beleuchtet. In der nächsten Ausgabe werden wir die letzten beiden Todsünden (Faulheit und Zorn) genauer unter die Lupe nehmen.
Gerne begleiten wir Sie bei den Überlegungen zu Ihren Anlagemöglichkeiten.
Herzliche Grüße zum 1. Advent
Alexander Tutmann