Ein Blick auf die aktuelle Entwicklung der Märkte!
In den ersten vier Wochen des Konflikts im Mittleren Osten verzeichneten sowohl die Aktien- als auch die Anleihemärkte deutliche Verluste. Hintergrund war die Sorge vor einem Preis- und Wachstumsschock für die Weltwirtschaft infolge ausbleibender Öllieferungen aus dem Persischen Golf, die von den Märkten entsprechend eingepreist wurde. Seit dem vorläufigen Tiefpunkt Ende März haben sich die Börsen jedoch deutlich erholt. Der S&P 500 sowie zahlreiche asiatische Aktienindizes erreichten im April sogar neue Rekordstände.
Auf den ersten Blick wirkt diese Entwicklung überraschend, da es bislang trotz laufender Verhandlungen nicht gelungen ist, die Straße von Hormus wieder vollständig für den Schiffsverkehr zu öffnen. Zudem hat die US-Blockade gegen den Iran die Ölexporte aus dem Persischen Golf zusätzlich eingeschränkt. Dennoch reagieren die Aktienmärkte vergleichsweise gelassen – und dafür gibt es mehrere nachvollziehbare Gründe.
Erstens scheint sich bei vielen Anlegerinnen und Anlegern mittlerweile ein gewisser Gewöhnungseffekt gegenüber geopolitischen Risiken eingestellt zu haben. Weder die von Trump im April 2025 angekündigten umfangreichen Strafzölle noch die Diskussionen um seine Grönland-Pläne führten zu dauerhaft negativen Reaktionen an den Finanzmärkten. Stattdessen werden kurzfristige Kursrückgänge zunehmend als Kaufgelegenheit genutzt.
Zweitens haben die Märkte den erwarteten Inflationsanstieg deutlich stärker berücksichtigt als die möglichen Belastungen für das Wirtschaftswachstum. Darauf deutet unter anderem hin, dass sich konjunktursensible Branchen wie Industrie und Grundstoffe vergleichsweise robust entwickelten und gegenüber defensiven Sektoren behaupten konnten. Auch Kupfer sowie Währungspaare wie AUD/USD zeigten sich widerstandsfähiger, als es in typischen Risikoaversion-Phasen üblich wäre. Gleichzeitig blieben klassische sichere Häfen wie Gold, der Schweizer Franken, der japanische Yen und Staatsanleihen hinter den historisch zu erwartenden Kursgewinnen zurück.
Die vergleichsweise gelassene Einschätzung der Wachstumsauswirkungen basiert vor allem auf der Erwartung, dass die Straße von Hormus in den kommenden Wochen wieder für den Schiffsverkehrgeöffnet werden kann. In diesem Fall dürften die weltweiten kommerziellen und strategischen Öl- und Treibstoffreserven ausreichen, um die Folgen des derzeitigen Ausfalls von rund 14 Prozent der globalen Öllieferungen zumindest teilweise abzufedern.
Zudem bewerten die Aktienmärkte positiv, dass zusätzliche staatliche Ausgaben – insbesondere für Verteidigung sowie zur Eindämmung steigender Treibstoffkosten – die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stützen dürften. Unabhängig von den zunehmenden Herausforderungen bei der Energieversorgung hält außerdem der starke Investitionsschub in Infrastruktur und Technologien rund um künstliche Intelligenz an und sorgt damit weiterhin für zusätzliche Wachstumsimpulse in der Weltwirtschaft.
Drittens befand sich die Weltwirtschaft bereits vor Ausbruch der Krise in einer soliden Verfassung. In den meisten Aktienmärkten wurden die Gewinnerwartungen für Unternehmen zuletzt sogar nach oben angepasst. Grundsätzlich wirken sich moderat steigende Inflationsraten häufig positiv auf Aktien aus, da Unternehmensumsätze nominal ausgewiesen werden und dadurch tendenziell mit der Inflation steigen.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Gewinnerwartungen für das Jahr 2026 seit Beginn des Konflikts nochmals angehoben wurden. Besonders deutlich zeigt sich dies im Energiesektor: Aufgrund der gestiegenen Ölpreise rechnen Analysten dort mit einem Gewinnanstieg von mehr als 40 Prozentpunkten. Damit werden für Energieunternehmen inzwischen ähnlich hohe Wachstumsraten erwartet wie für Technologieunternehmen in den USA und Asien.
Trotz der nachvollziehbaren Robustheit der Aktienmärkte könnte sich die aktuelle Stärke als fragil erweisen – insbesondere dann, wenn es nicht gelingt, die Straße von Hormus zeitnah wieder für den Schiffsverkehr zu öffnen. Die weltweiten Öl- und Treibstoffreserven nehmen täglich weiter ab und wirken zunehmend wie eine verrinnende Sanduhr. Sollte sich der Schiffsverkehr auch im Mai nicht normalisieren, könnten bereits im Spätsommer spürbare Engpässe entstehen – nicht nur bei Treibstoffen, sondern auch bei chemischen Vorprodukten, Düngemitteln und Helium
Die Folgen wären weitreichend: Knappheiten bei Kunststoffen, schwächere landwirtschaftliche Erträge sowie Einschränkungen bei der Chipproduktion könnten die globale Wirtschaft erheblich belasten. Auch wenn derzeit weiterhin viele rationale Argumente für eine baldige Öffnung der wichtigen Handelsroute sprechen, sollte das verbleibende Risiko einer weltweiten Energiekrise nicht unterschätzt werden.
Vor diesem Hintergrund bleibt eine ausgewogene Positionierung zwischen den aktuellen Wachstumschancen an den Aktienmärkten und widerstandsfähigeren Anlagen im Anleihebereich über Mischfonds ebenfalls wichtig.
MSCI-Welt: Wertentwicklung der Branchen in %, Kursgewinn seit Jahresanfang
Quelle: LSEG Datastream, MSCI, J.P. Morgan Asset Management. Erträge in USD. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die aktuelle und zukünftige Wertentwicklung. Stand der Daten: 28. April 2026.
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Schöne Pfingsttage!
Alexander Tutmann